Religiöses Buch des Monats Mai: Warum Christsein?

CoverWarum überhaupt sollte heutzutage noch jemand Christ sein?  fragt der englische Dominikaner Timothy Radcliffe in seinem Buch, das Borromäusverein und Sankt Michaelsbund als Religiöses Buch des Monats Mai empfehlen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der christliche Glaube in Europa weitgehend als Selbstverständlichkeit. Heute dagegen muss sich ein Christ auch im Langezeit christlich geprägten Abendland wieder fragen lassen (und auch sich selbst fragen), warum er eigentlich Christ sei, weshalb überhaupt jemand Christ sein sollte. Der englische Dominikaner Timothy Radcliffe erzählt, diese an ihn gestellte Frage habe ihn zunächst zu der spontanen Antwort veranlasst „Weil es wahr ist“. Bald habe er aber gespürt, dass diese Antwort nicht ausreiche, dass Interessenten am christlichen Glauben gerade auch wissen wollen, wie denn die Christen mit ihrem Leben bezeugen würden, dass sie selbst an die Wahrheit des Christentums glauben. Welche Auswirkungen hat also der christliche Glaube auf unser Leben? Schon im Vorwort macht der Autor klar, dass die Christen nicht unbedingt die moralisch besseren Menschen seien – aber Christus sei auch nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder (Mk 2,17). Es geht ihm vielmehr darum, jenen Seiten des christlichen Glaubens nachzuspüren, die darauf hinweisen, dass Gott der Sinn unseres Lebens ist.

Anhand von Erlebnissen, Geschichten, Zitaten (von Heiligen, Theologen, Schriftstellern u.a.) und Überlegungen entwirft Radcliffe in mehreren Kapiteln ein Bild dessen, was seiner Meinung nach den christlichen Glauben auszeichnet. Zuallererst geht es natürlich um jene große Hoffnung, die dem Christen durch Jesu Tod und Auferstehung nicht weniger verheißt als Gottes Ewigkeit. Dieses Ziel unserer Hoffnung ist aber nicht nur ein fernes Jenseits, denn in gewissem Sinne ist das Reich Gottes auch jetzt, in jedem Augenblick schon gegenwärtig. Die Gegenwart Gottes unter uns drückt sich aus als Freiheit, Freude und Liebe, und zwar jeweils in ihrer tiefsten Form. Darum ist das Christentum auch keineswegs Jenseitsvertröstung, sondern im Gegenteil volles Ernstnehmen der Realität – aber in ihrer ganzen Dimension, die sich nicht im Hier und Jetzt erschöpft. Ein zentrales Kapitel widmet Radcliffe deshalb der menschlichen Leiblichkeit. Wir sind in fundamentalem Sinne leiblich, weshalb der Leib aus christlicher Sicht niemals herabgewürdigt werden darf. Erst von dieser Einsicht heraus kann das katholische Verständnis von Ehe, aber auch Zölibat richtig bewertet werden.

Christsein bedeutet für den Dominikanerpater auch ein besonders Verständnis von Wahrheit: Christen halten die Wahrheit prinzipiell für erkennbar – und sie streben selber nach Wahrhaftigkeit, weil sie wissen, dass die Lüge Zweifel, Misstrauen und Verdächtigungen sät, zwischen den Menschen und auch zwischen Gott und den Menschen. Um der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, braucht es allerdings Mut, der Gefahren nicht verleugnet, sondern realistisch anerkennt, und zu dem auch ein geduldiges Ausharren angesichts zahlloser Schwierigkeiten zählt. Nicht zuletzt zeichnet den christlichen Glauben auch die Gemeinschaft mit anderen aus. Der Einzelne ist unvollständig ohne die Gemeinschaft, und im letzten muss es die Gemeinschaft mit allen Menschen sein, da alle Menschen von Gott geschaffen und geliebt sind. Die christliche Sehnsucht richtet sich darum auf ein Zuhause, aus dem niemand ausgeschlossen wird und in dem auch niemand am Rande steht – und im Hinblick auf dieses Ziel muss auch die Realität gestaltet werden, nicht zuletzt gilt dies auch für die Kirche selbst.

Alles in allem ist es wirklich eine Vielfalt an bedenkenswerten Überlegungen, die Suchende ebenso wie Gläubige dazu einladen, einmal (wieder) über den christlichen Glauben nachzudenken. Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund

Radcliffe, Timothy: Warum Christ sein? Wie der christlichen Glaube unser Leben verändert. Freiburg: Herder 2012. – 395 S.; 22,99 €. – Dieses Buch kaufen (bei der borro medien gmbh).

(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)

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