Eine Kirche für Viele

Erik, Du bist auf dem falschen Dampfer! Und hast trotzdem nicht Unrecht. Deine Haustür-Missions-Idee halte ich für übergriffig. Ich wünsche mir das für mich jedenfalls nicht – und ich weiß nicht, wie viele Menschen das wirklich positiv aufnehmen würden. Und mal ehrlich: Wann würde dich denn so ein Missions-Team antreffen? Und wann wäre es dir willkommen? Freitags abends um 20 oder 21 Uhr? Samstags morgens um 10 Uhr, wenn Du vielleicht gerade mit Brötchen und Kaffee den Kater der Arbeitswoche zu vertreiben suchst?

Auch in Sachen Kirchensteuer muss ich dir entschieden widersprechen. Sie begründet keinen Leistungsanspruch. Wir sind doch keine Krankenkasse!

Das Entscheidende hast Du vergessen: die Taufe. Sie begründet einen Leistungsanspruch an dich. Als Getaufter ist es deine Sache, den Hintern hoch zu kriegen und dich für die Verbreitung des Evangeliums einzusetzen. Zu Hause sitzen und warten, dass jemand von der Kirchen vorbei spaziert, um mit dir zu plauschen, genügt nicht. Und weil Du getauft bist, zahlst Du den Zehnten – also die Kirchensteuer, um die Aufgaben der Kirche zu finanzieren: Diakonie, Liturgie, Mission.

Deine 90 : 10 Rechnung geht auch nicht auf. Denn außer dem Gemeindeleben für die von dir etwas abschätzig betrachteten 10 Prozent finanziert die Kirche damit eine Menge Aufgaben, die weit über die 10 Prozent der in der Gemeinde Aktiven hinaus gehen. Beispiel gefällig? Nehmen wir die katholische Büchereiarbeit, damit kenne ich mich aus. Die Katholische Kirche in Deutschland leistet sich ein Netz aus Katholischen Öffentlichen Büchereien, die meisten ehrenamtlich betrieben, die gerade auf dem Land allen Bürgerinnen und Bürgen die Möglichkeit geben, sich mit Büchern, Zeitschriften, Hörbüchern, DVDs zu versorgen. Die KÖBs fragen nicht nach Kirchenmitgliedschaft, weder ihre Leser/innen noch ihre Mitarbeiter/innen. Hier treffen sonntags die Gottesdienstbesucher auf Langschläfer und Jogger, denen der Gottesdienst und das traditionelle Gemeindeleben nichts mehr gibt.

Trotzdem hast Du Recht. Wir (ich rechne mich zu den 10 Prozent, von denen Du behauptest, sie würden die Kirchensteuer für das Gemeindeleben und den Erhalt von Gebäuden und Kunstwerken verbraten) müssen ebenfalls den Hintern hochkriegen und uns mehr für Euch – die stillen 90 Prozent – interessieren. Die Postkartenaktion, die Du im zweiten Teil deines Buches vorschlägst, liegt mir persönlich mehr als die Hausbesuche. Ja, ich weiß, ich soll jederzeit bereit sein, über die Hoffnung zu sprechen, die mich trägt (1. Petrusbrief). Aber lieber nicht ungefragt vor deiner Wohnungstür. Mich würde wirklich interessieren, wie Du Gott kennst und Christsein lebst. Vielleicht treffen wir uns mal auf ein Kölsch?

Worum es hier geht? Erik hat ein Buch geschrieben: Eine Kirche für viele. Statt heiligem Rest, Herder 2018.

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