Zeit zu glauben, Zeit zu zweifeln

Forschungsprojekt zu Kontinuität und Wandel religiöser Vorstellungen in den WeltkriegenGebetsbild

Von 2002 bis 2006 untersuchte ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter, wie Krieg und Religion sich im Zeitalter der Weltkriege wechselseitig beeinflussten. Das Forschungsprojekt mit dem schönen Titel „Gott im Krieg. Wandel und Depotenzierung religiöser Plausibilitäten durch Kriegserfahrungen 1900 bis 1950“ war im Tübinger Sonderforschungsbereich 437 „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ angesiedelt.

Religion hilft, einen Krieg glaubend zu ertragen. Sie stellt den Christen – in meiner Untersuchung liegt der Schwerpunkt bei den Katholiken – Deutungen zur Verfügung, mit denen sie dem Geschehen Sinn geben können. Religion half jedoch nicht nur, dem Krieg einen Sinn zu geben, sie veränderte sich auch durch den Krieg. In den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts standen christliche Sinngebungen verstärkt in Konkurrenz zu anderen Sinnangeboten wie z.B. zu sog. abergläubischen Praktiken. Außerdem wurden traditionelle Deutungen, wie die des Krieges als Gottesstrafe durch die moderne, „totale“ Kriegsführung in den Weltkriegen zunehmend in Frage gestellt.

Wie diese Wandlungsprozesse abliefen, untersuche ich auf zwei Ebenen. Befragt werden einerseits kirchenamtliche Dokumente und Hirtenbriefe, sowie andererseits Feldpostbriefe und religiöse Literatur. Auf diese Weise können Erfahrungsprozesse rekonstruiert werden, die den religiösen Wandel unter dem Einfluss der Weltkriege sichtbar machen können.

Gebetsbild 2Die beiden rechts abgebildeten Andachtsbilder von Totenzetteln gefallener (katholischer) Soldaten visualisieren religiöse Deutungen des Krieges. Das obere Bild zeigt einen sterbenden Soldaten auf dem Schlachtfeld und den Engel, der ihn ins Paradies geleiten wird. Der Palm- oder Lorbeerzweig, den der Engel in der Hand hält,symbolisiert den Sieg des Lebens über den Tod. Das untere Bild zeigt eine Christusfigur, die das Kreuz trägt. Der lateinische Text ist ein Zitat aus dem Markusevangelium (Mk 8, 34) und lautet übersetzt: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Das Bild erinnert den Betrachter daran, dass er durch geduldiges Ertragen von Krankheiten, Schmerzen oder des Todes eines Angehörigen Christus nachfolgt, der sein Kreuz auch bereitwillig getragen habe. Als Lohn dafür wird das ewige Leben in Aussicht gestellt, symbolisiert durch den Ölzweig am rechten Bildrand (Quelle: Nachlass Bauer/Weber, Slg. Holzapfel).

Publikationen

Katholisches Bekenntnis als Mittel zur Integration? Der Beitrag der Bischöfe von Freiburg, Rottenburg und Hildesheim zur Integration der Vertriebenen, in: Ders./Vogt, Ute, Durch den gemeinsamen Glauben eine neue Heimat finden (Arbeiten zur schlesischen Kirchengeschichte, Bd. 13), Münster 2002, S. 11 – 113.

Holzapfel, Christoph/Holzem Andreas, Kriegserfahrung als Forschungsproblem. Der Erste Weltkrieg in der religiösen Erfahrung der Katholiken, in: Theologische Quartalsschrift 182 (2002), S. 279 – 297.

Alltagsreligiosität im Krieg. Die Korrespondenz der Familie B. zwischen Kriegswende und Kriegsende (1943 – 1946), in: Andreas Holzem/Christoph Holzapfel (Hg.), Zwischen Kriegs- und Dikaturerfahrung. Katholizismus und Protestantismus in der Nachkriegszeit (Konfession und Gesellschaft, Bd. 34), Stuttgart 2005, S. 53 – 90.

„Erschreckend ist die religiöse Verflachung und Verwirrung.“ Evakuiertenpastoral als Seelsorge im Krieg, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 24 (2005), S. 137 – 148.

Krieg als „heilsame Kreuzes- und Leidensschule“. Die religiöse Deutung der Weltkriege, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 25 (2006), S. 99 – 126.

Das Kreuz der Weltkriege. Junge christliche Generation und Kriegserfahrungen, in: Kirchen im Krieg. Europa 1939 – 1945, hg. von Karl-Joseph Hummel, Christoph Kösters, Paderborn u.a. 2007, S. 419 – 441.

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