Kinder brauchen Religion!

Cover Kinder brauchen ReligionKinder brauchen Religion, meint der Religionspädagoge Georg Langenhorst, ohne den Zugang zu Religion fehle ihnen eine grundlegende Dimension des Menschseins. Sein Buch empfehlen Borromäusverein und Sankt Michaelsbund als Religiöses Buch des Monats März.

In unserer postmodernen, von Pluralität bestimmten Gesellschaft wird Religion zunehmend als reine Privatsache betrachtet. Entsprechend wird auch die religiöse Erziehung im Raum der öffentlichen Bildung immer stärker hinterfragt oder ganz abgelehnt.

Demgegenüber vertritt der Religionspädagoge Georg Langenhorst mit seinem neuen Buch die These, dass Kinder nicht nur ein Recht auf Religion haben, sondern dass sie Religion sogar brauchen. „Brauchen“ zwar nicht in dem Sinne, dass sie ohne Religion gar nicht aufwachsen oder keine zufriedenen Menschen werden könnten, aber doch so, dass ihnen ohne Religion eine grundlegende Dimension des Menschseins fehlte. Diese Dimension, in der jenseits einer einseitigen Festlegung auf das rein Nützliche allgemeine Fragen des Menschen nach Ursprung, Sinn und Ziel sowie Lebensführung nicht nur gestellt, sondern auch zumindest im Sinne von Perspektiven und Handlungsimpulsen beantwortet werden, würde den Kindern gleich doppelt fehlen: sowohl in ihrem aktuellen Kind-Sein wie in ihrer Entwicklung auf ein eigenständiges Erwachsen-Sein hin.

Auf sehr überzeugende Weise stellt der Autor in diesem Zusammenhang einen Vergleich mit der Musik an – ebenfalls nicht schlechthin unverzichtbar für den Menschen, aber doch eine Bereicherung, ohne die zu leben sich keiner mehr vorstellen kann, der sie einmal positiv erfahren hat. Und Langenhorst weist auf eine weitere Parallele hin: So wie man Musikalität nicht in allgemeiner Weise erlernen kann, ohne ein bestimmtes Instrument zu erlernen, so kann auch eine prinzipielle religiöse Erziehung und Bildung nicht erreicht werden ohne die Beheimatung in einer konkreten gelebten religiösen Tradition (sinnvollerweise die in der Lebenswirklichkeit der Kinder jeweils vorherrschende).

Nach einer allgemeinen Hinführung zu den pädagogischen, entwicklungspsychologischen und sozialen Voraussetzungen für eine religiöse Erziehung in der heutigen Gesellschaft benennt Georg Langenhorst fünf Grundelemente des religiösen Lernens – im besonderen Hinblick auf das Christentum als die bei uns nach wie vor am meisten verbreitete Religion. Als erstes gilt „Kinder brauchen Gott“, und zwar in dem Sinne, dass die christliche Religion als Hauptaussage vermittelt, dass VOR allem Anspruch an den Menschen ein bedingungsloser Zuspruch Gottes zu ihm besteht, dass das Leben zuerst Gabe, und dann erst Aufgabe ist; dieser Zuspruch muss Langenhorst zufolge unbedingt auch im Zentrum religiöser Erziehung stehen. Es geht darum, Kindern das befreiende Vertrauen zu vermitteln, dass es auch da noch einen Trost, ein letztes Geborgensein bei Gott gibt, wo selbst Erwachsene nicht mehr weiterwissen, sogar noch über den Tod hinaus. Gerade Kindern ist eine solche Vorstellung aber nicht zu vermitteln durch einen abstrakten Gottesbegriff, deshalb gilt zweitens: „Kinder brauchen Jesus“. Im Blick auf Jesus von Nazareth als „Gottes Sohn“ gelingt dem Menschen ein direkter Zugang zu Gott als „Vater“ jenseits aller Dogmen, Katechismen und Morallehren. Aus den Erzählungen über Jesus in den Evangelien können Kinder in idealer Weise lernen zu beten, aber auch mit anderen Menschen Mitgefühl zu haben. „Kinder erfahren religiöse Identität weit mehr als Erzählgemeinschaft und als Ritualgemeinschaft denn als Bekenntnisgemeinschaft.“ (S. 36) In Ritualen und den Sakramenten wird so für Kinder die uns durch Jesus zugesagte Kraft Gottes erlebbar, was Langenhorst unter der Überschrift „Kinder brauchen Be-Geist-erung“ darlegt.

Über diese inhaltlichen Forderungen hinaus gibt es aber noch zwei weitere wichtige Grundlagen: „Kinder brauchen Gemeinschaft“, sie brauchen Vorbilder, an denen sie erfahren können, was eine gelebte Gottesbeziehung im Alltag bedeutet, zunächst natürlich in der Familie, aber auch darüber hinaus. Insbesondere ein gemeinschaftlich erfahrener Jahresfestkreis ist für Kinder zur Rhythmisierung des Lebens von großer Bedeutung. Da Familien heute angesichts der gesellschaftlichen Umstände mit dieser Aufgabe oft überfordert sind, gilt aber auch „Kinder brauchen Religionsunterricht“. Um möglichst alle Kinder religiös zu sensibilisieren und zu bilden, ist inzwischen die Schule wohl der geeignetste Raum. Das heißt andererseits aber auch, dass sich der Religionsunterricht heute nicht mehr auf die Vermittlung von Glaubenswissen beschränken darf, er soll Kinder vielmehr immer auch mit Formen gelebten Glaubens bekannt machen.

Insgesamt werden in diesem Buch alle prinzipiellen Fragen der religiösen Erziehung und Bildung angesprochen, davon ausgehend aber immer mannigfache Anregungen zur konkreten Umsetzung gegeben, die sich an den heutigen gesellschaftlichen Realitäten orientieren. So eignet sich das Buch keineswegs nur für pädagogisches Fachpersonal, sondern kann im Grunde für alle Eltern und Familien von großem Interesse und hohem Nutzen sein.(Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund)

(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)

Georg Langenhorst: Kinder brauchen Religion! Freiburg i.Br.: Herder Verlag, 2014. – 207 S.; 16,99 €

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