Die Frau des Botschafters

Cover Moster: Die Frau des BotschaftersDer Steg auf dem Cover lenkt den Blick ins Weite. Schön eigentlich, doch für diesen Roman führt das in die Irre. Denn Hauptschauplatz ist die finnische Küstenlandschaft in und um die Hauptstadt Helsinki. Und dort geht der Blick nichts ins Weite, sondern verliert sich zwischen den unzähligen kleinen und größeren Inseln des Schärengürtels. Eigentlich sollte es Pflicht eines jeden Reisenden sein, wenigstens einmal mit dem Schiff nach Helsinki zu reisen, von Rostock oder Stockholm aus mit einer der großen Autofähren.

Mit so einem riesigen Schiff durch den Schärengürtel zu fahren, ist ein Erlebnis für sich. Immer wieder sieht es so aus, als würde die Fähre die nächste Insel überfahren und sich dabei den Bug aufschlitzen. Aber dann kriegen Kapitän und Lotse doch wieder die Kurve – und irgendwann löst sich die Silhouette der Stadt aus dem Dunst. Je nachdem, in welchem Hafen die Fähre anlegt, ist landet man mitten in der Stadt und kann von der Fähre aus auf den Markt gehen oder eine der Hauptstraßen entlang bummeln.

In diesem Ambiente siedelt Stefan Moster seinen Roman an. Oda, die Hauptfigur, ist die Frau des deutschen Botschafters. Von ihrer Residenz aus haben sie und ihr Mann Robert einen traumhaften Blick auf die Schären, das Gelände der Botschaft liegt direkt am Wasser, dazu gehört auch ein Bootssteg. In den Sommermonaten ging Oda vom Steg aus schwimmen. Inzwischen ist es Herbst geworden, an Schwimmen ist nicht mehr zu denken. Beim Blick aus dem Fenster registriert sie, dass viele Angler am Ufer der Bucht verteilt stehen. Weil ihr langweilig ist – als Frau des Botschafters hat sie außerhalb protokollarischer Anlässe nichts zu tun, oder jedenfalls nur das, was sie sich selbst auftrug, – nimmt sie die Angelausrüstung, die ihr Mann zum Dienstantritt in Helsinki geschenkt bekam, und geht damit auf den Steg.

Damit beginnt die Geschichte der Freundschaft zwischen Oda und einem Finnen namens Klaus. Denn Oda hatte ihre liebe Not, die Angel auszubringen und Klaus wird von seinem kleinen Motorboot aus Zeuge ihrer Versuche. Als er von seinem Angelausflug zurückkehrt, legt er Oda einen Fisch auf den Steg. Weil er das wieder und wieder tut, versucht sie herauszufinden, wer er ist und wo er wohnt.

Ihre Nachforschungen führen sie zu einem einfachen Holzhaus am Ufer einer Bucht in der Nähe. Er nimmt sie mit zum Fischen, sie lernt, wie ein Fisch geräuchert wird und wie gut frisch geräucherter Fisch schmeckt. Zu ihrer Überraschung spricht Klaus gut Deutsch. Schnell stellt sich heraus, dass er der Sohn eines Wehrmachtssoldaten und einer Finnin ist, seinen Vater nie kennenlernte und aufgrund dieser Herkunft ein großes Interesse an Deutschland entwickelt hat.

Klaus und Oda könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie, die Diplomaten-Gattin, eine durch Ehe und das Protokoll ruhiggestellte Vollblutjournalistin, die in den gehobenen Kreisen aus Diplomatie, Politik, Wirtschaft und Kultur verkehrt, aber praktisch keinen Kontakt zu den Einheimischen hat, die unzufrieden ist vor Langeweile und unglücklich, weil ihr der schwerbehinderte Sohn fehlt, den sie in einem Heim in der Nähe von Koblenz zurücklassen musste. Er, der alleinstehende Zimmermannsgehilfe in Rente, unkompliziert, zufrieden mit sich und seiner kleinen Welt, zwar nicht weltgewandt, aber lebenserfahren. Auf Odas Frage, ob er ein gutes Leben habe, antwortet er:

„‚Ich hab eins‘, meint Klaus trocken. ‚Ich habe Wärme und Nahrung. Ich kann mich selbst versorgen. Ich kann ein Feuer machen, das den Raum heizt und den Fisch gart. Ich habe ein Haus mit Dach und ein Boot ohne Leck.‘
‚Fehlt da nicht was?‘
‚Was soll da fehlen?‘
‚Oder genauer gesagt: Fehlt da nicht jemand?‘
‚Jemand fehlt, ja. Aber ein gutes Leben ist es trotzdem.‘
‚Nicht manchmal traurig?‘
‚Manchmal schon. Aber ist traurig denn schlecht?‘“ (262/263)

Einmal im Monat reist Oda nach Deutschland und besucht ihren Sohn. Bei einem dieser Besuche erfährt sie, dass Felix erblindet und nichts dagegen unternommen werden kann. Als einige Zeit nach ihrer Rückkehr die Ostsee zufriert und sie sich mit Klaus Hilfe traut, aufs Eis zu gehen, fasst sie einen Entschluss: Sie will Felix das unvergleichliche Licht zeigen, das entsteht, wenn die tiefstehende Wintersonne aufs Eis scheint.

Oda braucht Klaus nicht lange zu überreden, ihr zu helfen. Und so machen sie sich eines Tages in Klaus umgerüstetem Transporter auf den Weg nach Deutschland, um Felix zu holen. Eine abenteuerliche Reise mit überraschendem Ende beginnt.

Moster zeichnet Klaus als sehr selbstlos. Aber ist das tatsächlich unrealistisch? Es gibt so Menschen, die im rechten Augenblick wie Engel auftauchen und bereit sind, einen anderen selbstlos zu unterstützen.

Diese Unterstützung erwartet Oda von ihrem Mann Robert ganz offensichtlich nicht. In Odas Augen hat Robert kein gutes Verhältnis zu Felix. „Felix, du müsstest ein Kämpfer sein, dann hättest du auch einen Vater“, in diesen Worten – für Felix ins Diktiergerät gesprochen – liegt Odas ganze Enttäuschung und ihr ganzer Schmerz über ihren Mann. Einmal im Jahr kommt er mit ins Heim, sonst scheint er wenig Sehnsucht nach seinem Sohn zu haben. Falls er um seinen Sohn trauert oder mit seiner Behinderung und Odas (selbst zugeschriebenem Anteil daran), gibt er es nicht zu erkennen. Oda legt es ihm als Gleichgültigkeit aus. Ob sie ihn überhaupt einweiht oder wie weit, wird nicht so ganz klar. Vielleicht hat sie Sorge, dass er in seiner nüchtern-realistischen Art versuchen würde, sie zu bremsen.

Moster zeichnet Robert in diesem Punkt als einen typischen Mann, der seine Gefühle kaum in Worte zu fassen weiß, sie vielleicht sogar vor sich selbst verbirgt. Schade eigentlich, denn im Zeitalter der „neuen Väter“ hätte auch ein anderer Typus Vater Platz in dieser Geschichte gefunden.

Moster lässt die ganze Geschichte von einem allwissenden Erzähler schildern, so scheint es zu Anfang jedenfalls. Doch dann und wann tritt dieser Erzähler aus den Kulissen hervor und entpuppt sich als Bibliothekar der deutschen Bibliothek in Helsinki, der auf überraschende Weise Teil des Abenteuers wird. Dieser Bibliothekar bleibt namenlos und ist eine merkwürdige Gestalt, mir nicht sonderlich sympathisch. Zu Beginn des Romans wohnt er in einem kleinen Raum in der Bibliothek, weil er seit seiner Scheidung keinen Sinn darin sah, sich eine neue Wohnung zu suchen. Oda begegnet er sichtlich fasziniert, ein bisschen verliebt und gerade deshalb knatschig, weil sie ihn auf Distanz hält.

Moster hat mit Oda, Klaus, Robert und dem Bibliothekar interessante, kantige Figuren entworfen. Ebenso gut oder vielleicht noch besser als seine Figuren sind seine Landschaftsbeschreibungen, poetisch, mit einem Schuss Melancholie. „Der Nebel hatte sich gelichtet, jedoch nur graues Mindestlicht zurückgelassen. Solch ein Wetter löscht auf allen Sonnenuhren die Zeit, warum sollte man sich nicht von den Abläufen leiten lassen, ohne ständig das Vorrücken des Zeigers im Blick zu haben.“ (150)
Ein ruhiger, leise erzählter Roman darüber, was es heißt, Mensch zu sein, sein Schicksal zu akzeptieren – und im richtigen Moment dagegen aufzubegehren. Ein Roman auch über Freundschaft und Sehnsucht, über Männer und Frauen, und über den ebenso hilflosen wie oft genug feindseligen Umgang unserer Gesellschaft mit Behinderten.

Stefan Moster: Die Frau des Botschafters. Roman. Hamburg, Mare 2013. 317 S., 19,90 € – zur Webseite von Mare

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