Arbeit und Struktur

Cover Herrndorf, Arbeit und StrukturGelesen: „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf. Unter diesem Titel schrieb Herrndorf ein Blog, seit er im Februar 2010 erfahren hatte, dass in seinem Kopf ein Tumor wuchs. Dessen Wachstum ließ sich zwar durch Operation, Bestrahlung und Chemo hinauszögern, aber nicht dauerhaft verhindern. Die wenige Zeit, die ihm blieb – anfangs ging er von 17 Monaten aus – nutzte er, um zwei Romane fertig zu schreiben, „Tschick“ (2010) und „Sand“ (2011).

Insgesamt drei Operationen, Chemos und viele, viele Medikamente zögerten das Ende bis ins Jahr 2013 hinaus. Doch Herrndorf ging es immer schlechter, er konnte nicht mehr arbeiten; die Abstände zwischen den Einträgen werde immer größer, die Mitteilungen kürzer. Nur mithilfe von Freunden gelingt es ihm überhaupt noch, etwas im Blog zu schreiben.

Er berichtet über seinen Gesundheits- und Seelenzustand, über seinen Tageslauf, seine Arbeit, weshalb sich seine Aufzeichnungen auch als Kommentar zu „Tschick“ und „Sand“ lesen lassen, stellenweise ist es ein making of. Und es ist ein Führer durch Herrndorfs Bücherregal.

Am 26. August 2013 nahm Herrndorf sich das Leben. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen Herrndorf noch dazu in der Lage gewesen sei, schreiben Kathrin Passig und Marcus Gärtner im Nachwort. Beide gehörten zu seinem engsten Freundeskreis, wie im Tagebuch immer wieder zu lesen ist, und sorgten auf Herrndorfs Wunsch dafür, dass sein Blog „ordentlich lektoriert“ auch als Buch veröffentlicht wurde.

Obwohl von Anfang an klar ist, wie die Geschichte endet, entfaltet der Text einen unglaublichen Sog. Herrndorf schreibt in einem äußerst verknappten Stil, lakonisch, ehrlich, offen; trotz der grammatisch oft unvollständigen Sätze („Heute früh Regen, leerer Strand, Schwimmen, Arbeitsunfähig. Angst vor erneutem [epileptischem] Anfall, fühle mich dünn in eine etwas papierne Welt hinausgebaut.“ [Eintrag vom 7.8.2011]) entsteht ein runder, satter Sound, in den allerdings immer wieder schrille E-Gitarren-Riffs eingebaut sind: „Dieser Scherbenhaufen im Innern bei gleichzeitiger Unfähigkeit zu sprechen, das ist nicht meine Welt. Auch wenn man da möglicherweise noch zwei Gemüsestufen über dem Apalliker rangiert, das geht nicht. Menschliches Leben endet, wo die Kommunikation endet und das darf nie passieren. Das darf nie Zustand sein. Das ist meine größte Angst.“ (ebenfalls 7.8.2011)

Beklemmend sind auch die Stellen, wo er Psychosen oder epileptische Anfälle beschreibt. Von Anfang sucht er an nach einer „Exit-Strategie“ – und findet sie schließlich in einer Magnum. Auch das hat mich in seiner kühlen Entschiedenheit verstört. Herrndorf wollte unbedingt Herr im eigenen Haus bleiben, nicht zum Pflegefall werden, nicht in einem Hospiz dem Tod entgegen dämmern.

Doch ist die Lektüre auch beglückend, weil es Einträge gibt, die von trotzigem Lebensmut zeugen, von Stunden, Tagen stillen Glücks und weil er einen Freundeskreis hat, der ihn bis zum Schluss hielt und auffing, wenn es ihm schlecht ging.

Wie es wohl C. geht, seiner Lebensgefährtin?

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Rowohlt Berlin 2013, 444 S. – 19,95 €

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